Forschungsauftrag: Freiraum

Mit ethnografischem Blick waren fünf Forscher und Fotografen zwei Monate lang in der HafenCity unterwegs. Die Ergebnisse ihrer Arbeit dokumentieren in einer Publikation von 2010, wie sich Bewohner, Beschäftigte und Besucher ihre neuen Stadträume aneignen

Das Foto zeigt zwei Skater auf den Marco-Polo-Terrassen

Während Spaziergänger weite Blicke übers Wasser genießen, nutzen Skater die Rampen und Treppen der Stadträume für ihre Tricks (© Daniel Barthmann) Bilderserie starten

In Soziologie und Ethnografie gilt die Methode zwar schon längst als etabliert, "aber ungewöhnlich ist, dass ein solcher Forschungsauftrag von öffentlicher Seite kommt", sagt Martin Kohler, Dozent für Stadtfotografie an der HafenCity Universität. Kohler und sein Team waren von der HafenCity Hamburg GmbH beauftragt worden und die fünf Forscher und Fotografen untersuchten zwei Monate lang den entstehenden Alltag im neuen Stadtteil. Denn "hier treffen verschiedenste Nutzungsmuster und -strukturen aufeinander", so Dr. Marcus Menzl von der HafenCity Hamburg GmbH. "Öffentliche Orte spielen im Konzept der HafenCity eine zentrale Rolle, denn in ihnen manifestiert sich der offene und urbane Charakter des Stadtteils."

Das Wissenschaftler-Team sollte dokumentieren, wie die geschaffenen Plätze nun in der Praxis genutzt werden. "Wir wollten überprüfen, ob sich die Nutzung tatsächlich so darstellt, wie sie ursprünglich geplant war", sagt Menzl. "Außerdem interessierte uns, welche Gestaltungsmuster sich bewähren, welche – beispielsweise in der weiteren Freiraumplanung – noch weiterentwickelt werden können."

Für die Beantwortung derartiger Fragestellungen drängte sich die ethnografische Stadtforschung geradezu auf. Viele andere Methoden beruhen auf statistischen Erhebungen und liefern lediglich auszuwertende Zahlen, deren Ergebnisse jedoch zu stark von der anfangs formulierten Fragestellung abhängig sind und Nebenaspekte dabei völlig unter den Tisch fallen lassen. "Dagegen wird der Untersuchungsgegenstand durch die Fotografie nicht aus dem Zusammenhang gerissen", sagt Kohler, "wir bilden immer auch den Kontext ab."

35 Mal war jeder der fünf ethnografischen Fotografen in der HafenCity unterwegs. An unterschiedlichen Wochentagen, zu verschiedenen Tageszeiten und bei veränderten Wetterbedingungen fotografierte das Team den Alltag auf Magellan-Terrassen, Marco-Polo-Terrassen, Vasco-da-Gama-Platz und Dalmannkai-Promenade. So gingen die Ethnografen den von der HafenCity vorgegebenen Fragestellungen nach: Wie eignen sich spielende Kinder die Freiräume an? Wie wird das eigens für den Stadtteil geschaffene Stadtmobiliar genutzt? Wie gehen Gastronomen mit den ihnen zur Verfügung gestellten Außenflächen um?

"Es hat mich erstaunt", berichtet Martin Kohler, "dass es insgesamt sehr wenig Überraschendes zu beobachten gab. Viele Orte werden im Wesentlichen so genutzt, wie es die Planer beabsichtigt hatten. Das spricht für ein gutes Gleichgewicht zwischen Vorgaben und Offenheit und damit für die Qualität der Planung."

Beispielsweise sollten in die Oberflächen von Promenaden eingelassene Betonplatten subtil Wegeverbindungen vorschlagen. "Dieser unausgesprochene Vorschlag wird tatsächlich angenommen", so der Dozent für Stadtfotografie, "obwohl sich Radfahrer und Fußgänger genauso gut direkt neben den Betonplatten auf dem Kopfsteinplaster fortbewegen könnten. Doch dorthin weichen sie lieber aus, wenn sie anhalten und verweilen wollen."

Darüber hinaus zeigen zahlreiche Fotos auch, wie Stadträume durch zusätzliche, zumindest nicht ausdrücklich vorgesehene Nutzungen erschlossen werden: Zum Beispiel erklettern Kinder und Jugendliche die verklinkerten Warftwände. Griffmöglichkeiten bieten dabei einzelne vorspringende Backsteine, die in erster Linie zur Gestaltung weithin sichtbarer Muster mit maritimen Motiven dienen.

Ein von Martin Kohler und seinem Team gemeinsam gestellter Materialband von 2010 dokumentiert diese und viele weitere Nutzungen der Stadträume. In Ausstellungen wurden die ethnografischen Forschungsergebnisse auch bereits der Öffentlichkeit vorgestellt.

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