Konzepte
Stadt des 21. Jahrhunderts
Die HafenCity setzt zukunftsweisende Standards durch nachhaltige Stadtentwicklung. Ehemaliges Hafen- und Industriegebiet wird intensiv genutzt und die Hamburger City so um 40 Prozent erweitert
Als Stadtteil der kurzen Wege lädt die HafenCity zur nachhaltigen Verkehrsteilnahme – beispielsweise mit dem elektrisch betriebenen Segways (© ELBE&FLUT - Thomas Hampel)
Hamburg wächst nicht mehr auf landschaftlichen Flächen in seiner Peripherie. Stattdessen wird nun u. a. innerstädtisches ehemaliges Hafengebiet wiederverwertet. Die nachhaltige Entwicklung der HafenCity beinhaltet primär ökologische, aber auch ökonomische und soziale Aspekte. Die HafenCity wird mittel- und langfristig durch ihre nachhaltige Stadtstruktur auch einen bedeutenden Anteil an der Erfüllung der Hamburger Klimaschutzziele haben, die eine Reduktion des CO2-Austoßes um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 vorsieht. In der HafenCity sollen, insbesondere durch eine innovative Energie- und Wärmeversorgung, sogar 50 Prozent Emissionen eingespart werden.
Effiziente Bodennutzung
Die HafenCity entsteht auf 157 ha ehemaligem Hafen- und Industriegelände in zentraler Lage. An kontaminierten Lagen wie dem Standort des alten Gaswerks (heute südliches Überseequartier) wurde der ökologische Wert dieses einstigen Industriegebiets durch die Bodensanierung gesteigert und die Versiegelung des Bodens erheblich reduziert. Boden wird zudem effizient genutzt – die Bebauungsdichte ist je nach Quartier mit 3,7–5,6 GFZ hoch, sie entspricht damit etwa der Dichte anderer europäischer Stadtzentren. Hoch ist entsprechend auch die Nutzungsdichte – in der HafenCity werden durchschnittlich 94 Bewohner und 355 Beschäftigte pro ha (Landfläche) leben und arbeiten. Neue Maßstäbe setzt auch die Verteilung der Flächen. Auf nur 25 Prozent der Landflächen erstrecken sich die Flächen für Straßen (zum Vergleich Hamburger City: 40 Prozent). Für öffentlich zugängliche Freiflächen stehen 37 Prozent der Landflächen zur Verfügung, einschließlich der 3,1 km langen „Riverfront“ entlang der Elbe. Damit schafft die HafenCity eine hohe Nutzungsdichte bei hohem Anteil öffentlicher Räume und geringem Anteil notwendiger Erschließung.
Stadtstruktur
Die HafenCity zeichnet sich zudem durch eine feinkörnige horizontale und vertikale Mischung der verschiedenen Stadtnutzungen aus – Wohnen, Arbeiten, Kultur, Freizeit und Handel liegen dicht beieinander und verkürzen so die Wege. Das dichte Wegenetz bezieht auch private Flächen ein. Klimaschonend wirkt sich die offene Bauweise in der Nähe zu großen Wasserflächen aus. Die daraus resultierende Reduktion des sogenannten Hitzeinseleffektes der Stadt im Sommer mindert den Bedarf an Klimatisierung – der Wohn- und Arbeitskomfort hingegen steigt.
Die Lage am Wasser und damit die Nähe zum bestehenden Hafen auf der südlichen Elbseite, aber auch Verkehrslärm in der östlichen HafenCity machen besonders hohe Schutzanforderungen für Gebäude und Infrastruktur erforderlich. Die Anordnung der Gebäude, die Orientierung der Aufenthaltsräume und spezielle Fensterlaibungen tragen zur Reduktion von Lärmwirkungen bei. Die Hafenplanungsverordnung deckelt zudem Emissionen aus dem Hafen auf das vorhandene Niveau, der südlich der Elbe weiterhin in Betrieb ist.
Ein wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeit ist die Erfüllung langfristiger Anforderungen an den Hochwasserschutz. Dieser wird durch die auf 8,00–8,50 m ü. NN -aufgeschütteten Warften gewährleistet. Parkende Autos finden in den Warften unter den Gebäuden in Tiefgaragen Platz. Der ruhende Verkehr verbraucht daher wenig Raum (s. dazu auch S. 56).
Mobilität
Die HafenCity ist auch ohne Auto sehr gut erreichbar. Der Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV) soll durch ein intelligentes Verkehrskonzept und einen hervorragenden Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr mittelfristig auf 20 Prozent reduziert werden (Hamburger Durchschnitt: 47 Prozent). Eine neue U-Bahnlinie wird ab Ende 2012 täglich bis zu 23.000 Menschen befördern. Nach Eröffnung der dritten neuen Haltestelle der U4 an den Elbbrücken sollen sogar täglich ca. 35.000 Menschen die U-Bahn benutzen. Öffentliche Busse tanken ab März 2012 klimafreundlich an einer neuen Wasserstofftankstelle. Aus der bestehenden Innenstadt gelangen Fahrradfahrer und Fußgänger binnen weniger Minuten über ein attraktives und dichtes Wegenetz und zahlreiche Brücken in den neuen Stadtteil oder umgekehrt. Zu 70 Prozent verlaufen die Fuß- und Fahrradwege in der Hafen-City abseits des Autoverkehrs auf Promenaden, Stegen und Plätzen, zu rund 30 Prozent direkt am Wasser. Die ersten Fahrradleihstationen ermöglichen die CO2-freie Rundfahrt. Die HafenCity ist zudem in die Modellregion Elektromobilität Hamburg einbezogen. Eine erste Ladestation wurde in der Osakaallee aufgestellt, weitere werden in private Gebäude integriert.
Wärmeenergie
In der westlichen HafenCity sind sämtliche Gebäude an ein durch Kraft-Wärme-Kopplung betriebenes Fernwärmenetz angeschlossen. Dezentrale Wärmeerzeugung kombiniert mit Brennstoffzellentechnik, Solarthermie und geothermischen Anlagen ermöglicht einen effizienten Energiemix mit einer CO2-Emission von 175 g/kWh (zum Vergleich: Die herkömmliche gasbasierte Wärmeversorgung produziert durchschnittlich eine CO2-Emission von 240 g/kWh). Gegenüber einer weit verbreiteten gasbetriebenen Wärmeversorgung stellt dies eine Reduktion um 27 Prozent dar. Nach einem europaweiten Ausschreibungsverfahren wurde 2003 der Auftrag für die Wärmeversorgung der westlichen HafenCity an den Energieversorger Vattenfall vergeben. In der östlichen HafenCity wird die CO2-Emission mit 89 g/kWh noch einmal deutlich unterschritten. Den ebenso europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb entschied 2009 Dalkia Energie Services für sich. Das Konzept sieht ein ebenso durch Kraft-Wärme-Kopplung betriebenes Nahwärmeversorgungsnetz vor, das durch verschiedene Erzeugungseinheiten innerhalb und außerhalb der HafenCity gespeist wird. Zum Einsatz kommen mit einer Holzverbrennungsanlage, einer Biomethan-Brennstoffzelle, einem gasbetriebenen Blockheizkraftwerk sowie einer Wärmepumpe überwiegend regenerative Energieträger. Die Holzverbrennungsanlage soll als eine von drei Heizzentralen auf dem Gelände des angrenzenden Hamburger Großmarkts am Standort einer bereits bestehenden Verbrennungsanlage installiert werden. Aufgrund seiner dezentralen Struktur kann das Versorgungssystem gemeinsam mit dem Stadtteil wachsen. Diese Flexibilität galt als wichtiges Vergabekriterium: Da die HafenCity erst in den 2020er Jahren fertiggestellt wird, kann ihr künftiger Energiebedarf noch nicht exakt bestimmt werden.
Gebäude
2007 wurde von der HafenCity Hamburg GmbH das erste Zertifizierungssystem für nachhaltiges Bauen in Deutschland entwickelt. Die HafenCity Hamburg GmbH vergibt ein Umweltzeichen in Gold für außergewöhnliche und in Silber für besondere Leistungen bei der Realisierung nachhaltiger Hochbauten. Die Auszeichnung soll Bauherren zum verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen motivieren. Bewertet werden die ökologische, die ökonomische und die soziale Nachhaltigkeit eines Bauvorhabens. Anfangs galt das Umweltzeichen für Wohn-, Büro- und Sonderbauten. Da in der zentralen und östlichen HafenCity vermehrt Gebäude mit Einzelhandels- oder Hotelnutzung sowie gemischt genutzte Gebäude entstehen, können seit 2010 auch diese Bautypologien zertifiziert werden.
Das Umweltzeichen HafenCity in Gold und Silber
Bereits vor Baubeginn kann das Umweltzeichen HafenCity vorläufig verliehen werden. Den Antrag stellt der Bauherr, indem er technische Planungsunterlagen vorlegt, aus denen die besondere oder außergewöhnliche Nachhaltigkeit seines Gebäudes hervorgeht. Nach der positiven Prüfung durch ein unabhängiges Büro wird das Projekt vorzertifiziert. So können Projektentwickler und Bauherren schon während der Vermarktungsphase potenzielle Käufer oder Mieter von der Nachhaltigkeit ihrer Wunschimmobilie überzeugen. Ein endgültiges Zertifikat wird erst nach Fertigstellung des Bauvor-habens verliehen, wenn die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstandards überprüft wurde.
Der Zertifizierung liegen fünf Kategorien zugrunde:
- die Reduzierung des im Gebäudebetrieb entstehenden Primärenergiebedarfs weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus
- der nachhaltige Umgang mit öffentlichen Gütern (z. B. durch wassersparende Sanitäranlagen), die effiziente Nutzung öffentlich zugänglicher Flächen oder auch die Familienfreundlichkeit von Hotel- und Einzelhandelsbauten
- der Einsatz umweltschonender Baustoffe, etwa der Verzicht auf halogenhaltige Stoffe, flüchtige Lösungsmittel oder Biozide; honoriert wird die Verwendung zertifizierter Tropenhölzer
- die besondere Berücksichtigung von Gesundheit und Behaglichkeit, etwa der Raumtemperatur, einer allergikergerechten Ausstattung sowie Hall- und Schallschutz, Blendschutz und Luftaustausch in klimatisierten Räumen
- die durchgehende Barrierefreiheit und ein nachhaltiger Betrieb des Gebäudes durch geringen Wartungsaufwand bzw. den Einsatz langlebiger Materialien
Das Umweltzeichen HafenCity hat sich als großer Erfolg erwiesen: Innerhalb von vier Jahren wurden 305.000 qm BGF nach dem strengen Gold-Standard vorzertifiziert oder sind für die Zertifizierung vorgesehen, dazu gehören die Katharinen-schule, das Verlagshaus der Spiegel-Gruppe, die HafenCity Universität, das Commercial Center, die NIDUS-Baugemeinschaft sowie ein Ensemble im Elbtorquartier, das u. a. die Zentrale von Greenpeace Deutschland sowie das Designzentrum designxport beziehen. Erstmals wurde nach erfolgreicher Prüfung 2011 das Gold-Zertifikat für die Unilever-Zentrale verliehen. Immer häufiger ist die Einhaltung der strengen Gold-Standards bereits Teil der Flächenausschreibungen. Ziel für die östliche HafenCity ist es, mehr als 50 Prozent der Gebäude nach den Vorgaben des Umweltzeichens in Gold zu entwickeln. In Zukunft wird die Realisierung von Wohngebäuden nur noch nach dem Gold-Standard möglich sein.
Mit Forschung in die Zukunft
Die HafenCity ist Standort mehrerer Forschungs- und Zukunftsprojekte: So wird auf dem Großen Grasbrook getestet, wie Raumluft durch den Einsatz von Geothermie entfeuchtet werden kann. Am Heizwerk der westlichen HafenCity kam eine Brennstoffzelle im Pilotbetrieb zum Einsatz. An der Oberbaumbrücke hat im Februar 2012 die europaweit größte Wasserstoff-Tankstelle eröffnet. Hier wird künftig die Wasserstoffbus-Flotte der Hamburger Hochbahn AG betankt.
Osaka 9 – der NachhaltigkeitsPavillon
Einen Überblick über das Nachhaltigkeitskonzept der HafenCity bietet der neue NachhaltigkeitsPavillon „Osaka 9“ an der Uferpromenade des Magdeburger Hafens. Seit dem Hamburger „European Green Capital“-Jahr 2011 gibt es hier auf 120 qm Ausstellungsfläche ausführliche Informationen über die nachhaltige Entwicklung der HafenCity.







