Arbeiten

Gründerzeit für neue Nachbarn

Sie prägen den Stadtteil auf ganz besondere Weise: Immer mehr Menschen machen die HafenCity nicht nur zu ihrem Wohn-, sondern gleichzeitig auch zu ihrem Arbeitsort. Viele von ihnen nutzen die Chance, hier ein neues Geschäft zu gründen – oder sich mit bestehenden Unternehmen einem spannenden Stück Stadt zu öffnen

Das Foto zeigt den Traditionsschiffhafen in der HafenCity

Maritim und urban: das ganz eigene Flair des Stadtteils motiviert nicht wenige Bewohner, endlich den lang gehegten Traum von einem eigenen Unternehmen zu realisieren (© ELBE&FLUT)

Für Stephan Diesselhorst könnte der Weg zur Arbeit kaum kürzer sein. Nur ein Treppenhaus muss er durchqueren, nicht mehr als ein paar Stufen nehmen, um in den Showroom seiner Firma zu gelangen. Seine Geschäftsräume befinden sich im Erdgeschoss eines Hauses am Sandtorkai, weiter oben im gleichen Gebäude hat der Inhaber von Diesselhorst Software und Consulting schon 2006 seine Wohnung bezogen.

"Ich wollte in zentraler Lage und am Wasser leben", beschreibt Diesselhorst die Motivation für seinen Umzug. "Gleichzeitig ist auch das nachbarschaftliche Miteinander im großstädtischen Kontext der HafenCity sehr gut: Man kennt sich, läuft den Nachbarn immer wieder über den Weg." Ganz nebenbei eröffnet sich hier auch ein weiterer Markt für den IT-Unternehmer. Er entwickelt vor allem Kassensysteme, für die bei den zahlreichen neuen Einzelhändlern und Gastronomen naturgemäß ein entsprechender Bedarf besteht. Mit dem neuen Showroom hat sich sein Unternehmen daher zur Stadt und zum Stadtteil geöffnet.

Die geringe Distanz zwischen Beruf und Privatleben sieht Diesselhorst nicht als Problem, ganz im Gegenteil: "Genau so habe ich mir das immer gewünscht", sagt er. "Ich arbeite in einem kreativen Beruf, da kommt die Inspiration nicht immer während der geregelten Geschäftszeiten." Die strikte Trennung beider Lebensbereiche hält er daher "im 21. Jahrhundert für antiquiert."

Und was für Stephan Diesselhorst gilt, gilt erst recht für die HafenCity: Es gehört zu den Planungsprinzipien des Stadtteils, bewusst auf die Realisierung reiner Wohn- und Arbeitsquartiere zu verzichten; stattdessen werden hier beide Nutzungen dicht gemischt. Für immer mehr Menschen ist die HafenCity deshalb nicht mehr nur Wohnort – sie sind gleichzeitig auch bei einem der zurzeit rund 270 hier ansässigen Unternehmen beschäftigt. Wer sogar seine eigene Firma betreibt und als Dienstleister, Einzelhändler oder Gastronom auch noch Publikumsverkehr hat, erlebt diese Doppelfunktion des Stadtteils besonders intensiv.

Für manche Menschen bietet der Stadtteil sogar die ersehnte Chance, endlich ein eigenes Geschäft zu eröffnen und sich damit einen lange gehegten Traum zu erfüllen, so wie für Rosemarie Motsch, Inhaberin des Kaffeehauses "K. u. K. – Klein und Kaiserlich". Mehr Wien geht nicht – das ist jedem sofort klar, der das Café (Am Kaiserkai 26) mit seinem sorgfältig zusammengestellten Interieur betritt. "Zuerst hatte ich mich nur in eine Tapete verguckt", berichtet Rosemarie Motsch. "Um mich weiter inspirieren zu lassen, bin ich dann durch diverse Kaffeehäuser in Wien und Salzburg geschlendert. Nach einem halben Jahr hatte ich auch die übrige Einrichtung zusammen."

An selbstständiges Arbeiten war die gebürtige Österreicherin schon gewöhnt, denn vor der Familiengründung hatte sie eine Modeboutique geführt. Anfang 2008 zog sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern in eine Wohnung auf dem Dalmannkai. "Als ich dann in der Nachbarschaft diese freie Gewerbefläche sah, wusste ich sofort: Das wird mein Kaffeehaus."

Natürlich verlangt ein eigenes Geschäft auch in der HafenCity hohen Einsatz; hinzu kommt unternehmerisches Risiko. Aber das Viertel bietet allein durch die stets neu entstehenden, für Gewerbe nutzbaren Erdgeschosse viel mehr Chancen als jeder etablierte Stadtteil. Darauf weisen auch die Mitglieder des Vereins Wirtschafts-Senioren Beraten – Alt hilft Jung e.V. hin. Die Wirtschaftssenioren stellen Existenzgründern ihre langjährige Erfahrung regelmäßig kostenlos in der HafenCity zur Verfügung.

Worapoj Mamangkung entdeckte den Standort für ihr Restaurant beim Blick aus dem Fenster ihrer Wohnung. Seit 1992 lebt die Inhaberin des "Tai Tan" (Kaiserkai 56) in Deutschland; ihr Handwerk hat sie von der Pike auf im legendären Hotel Mandarin Oriental in Bangkok gelernt. Heute legt sie viel Wert auf eine eigene Handschrift: Sie wünschte sich ein Restaurant, "das nicht aussieht wie ein Restaurant". Schon das Interieur bestellte sie daher nicht aus den Katalogen der üblichen Asia-Ausstatter, sondern plante es komplett selbst, wobei sie Tradition und Moderne Thailands vereinte. Worapoj Mamangkung: "Das passt perfekt zu diesem modernen Standort, der Geschichte und Zukunft zugleich hat."

Auch zukünftig setzt die HafenCity auf ein Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten; weitere hierfür nutzbare Flächen werden schon realisiert. So bieten bereits die Quartiere Am Sandtorpark / Grasbrook sowie das Überseequartier zahlreiche neue Möglichkeiten für Gründerinnen und Gründer.