Wohnen

Auf gute Nachbarschaft

Mitten in der quirligen, innerstädtischen HafenCity stehen auch zahlreiche nachbarschaftliche Treffpunkte zur Verfügung. Viele Bewohner werden selbst aktiv: Sie organisieren Bewohnerfeste, Kulturveranstaltungen oder virtuelle Begegnungsräume im Internet

Das Foto zeigt einen Stand des Trödelmarktss in der HafenCity

Schnäppchenjagd und Klönschnack: Der von den Anwohnern selbst organisierte Trödelmarkt dient auch dem gegenseitigen Kennenlernen (© HafenCity Hamburg GmbH)

"Ich habe schon in vielen Hamburger Bezirken gewohnt, aber eine so aktive Nachbarschaft hatte ich noch nie um mich herum." Die das sagt, gehört selbst zu den aktivsten Bewohnern der HafenCity: Susanne Wegener, im Jahr 2006 an den Kaiserkai gezogen, Initiatorin eines Anwohner-Trödelmarktes und Mit-Organisatorin eines regelmäßigen Nachbarschaftstreffs, der sich inzwischen zu einer wichtigen Kontaktbörse gemausert hat. "Ich erlebe meine Nachbarschaft ungemein herzlich, aufgeschlossen und kommunikativ; da schließe ich Dienstleister oder Unternehmer auch ausdrücklich mit ein", erklärt Wegener.

Vielleicht liege es am sogenannten "Bildungsbürgertum" im neuen Stadtteil, das prädestiniert sei, "sich einzuschalten und mitmischen zu wollen". Die Themen des Nachbarschaftstreffs sind jedenfalls vielseitig: von Informationen über die neuen Entwicklungen in der HafenCity bis hin zu Diskussionsveranstaltungen. Mittlerweile halten manche Nachbarn auch Vorträge über ihre haupt- oder ehrenamtlichen Tätigkeitsfelder. Man berichtet von Plänen für den Traditionsschiffhafen, von Auswirkungen des Klimawandels in der Meeresökologie oder von Ausgrabungen im antiken Sparta.

Und der allmonatliche Nachbarschaftstreff im Gemeinschaftsraum der Bergedorf-Bille Baugenossenschaft wirkt auch als Katalysator für neue Ideen. Hier wurden gemeinsame Glühweinabende, Sommerfeste, der Trödelmarkt und mit dem Störtebeker SV der erste gemeinnützige Sportverein des Stadtteils aus der Taufe gehoben. Im Oktober 2009 wurde außerdem der Verein 'Netzwerk HafenCity' ins Leben gerufen. "An der Entwicklung des Stadtteils zu einem kreativen, lebendigen und aufgeschlossenen Ort werden wir uns weiter aktiv beteiligen", so Susanne Wegener.

Auf breite Beteiligung ist auch das Projekt von Michael Beyer angewiesen. Der IT-Vetriebsberater ist zusammen mit seinem Projektpartner Dirk Dieterich Betreiber des Internetforums hafencityleben.de. Seit ihrem Start im Juni 2006 ist die Website für viele Bewohner des Stadtteils zum virtuellen Treffpunkt geworden.

Mehrere hundert Mitglieder sind schon registriert und tauschen sich über die Baufortschritte in ihrem neuen Stadtteil genauso aus wie über den letzten "Klönschnack". Je nach aktuellem Anlass besuchen täglich zwischen 200 und 500 Leser das Forum und rufen dabei bis zu 7.000 Seiten auf.

Beyer, der selbst seit November 2005 in der HafenCity wohnt, startete die Website aus einer Notwendigkeit heraus: Die ersten Anwohner der HafenCity benötigten ein effizientes Forum, um über die baulichen Veränderungen im Stadtteil zu diskutieren, über Fahrradwegeführung genauso wie über die Begrünung oder das Lichtkonzept in ihrem Stadtteil. Mittlerweile ist aus dieser Initiative ein echter Fundus an HafenCity-Informationen geworden – und ein Stimmungsbarometer der Bewohner, das sogar von Marktforschern und von Studenten für Diplomarbeiten genutzt wird.

"Wenn man schnell Nachbarschaftskontakte aufbauen möchte und wissen will, was in der Umgebung los ist, dann wird man hier oft fündig", empfiehlt Michael Beyer HafenCity-Neulingen. "Es gibt kaum eine Frage zu den Basics, die noch nicht gestellt und beantwortet wurde."

Nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung des Forums versteht Michael Klessmann seine Webseite hafencitynews.de. Inzwischen hat sich aus dem Internetauftritt sogar eine gedruckte Monatszeitung, die HafenCity-Zeitung, entwickelt. Ursprünglich wollte der IT-Berater und Amateurfotograf nur ein digitales Fotoalbum ins Netz stellen. Doch kurze Bildunterschriften reichten dem Hobby-Reporter bald nicht mehr – Nachrichten, Porträts und Reportagen kamen hinzu – und hafencity-news.de wurde zur Stadtteilzeitung.

"Im Moment sind Zeitung und Internet ein zweiter Fulltime-Job", stellt Klessmann fest, der seit Anfang 2007 am Kaiserkai wohnt. Deshalb wünscht er sich Mitstreiter, die mit derselben Leidenschaft dabei sind wie er. Klessmann engagiert sich nämlich nicht nur virtuell für die HafenCity: "Im realen Leben versuche ich natürlich überall dabei zu sein, wo etwas los ist." Und so ist er inzwischen auch Mitorganisator eines Quartierbeirats, er organisiert Sommerfeste für den Stadtteil und diskutiert in der "Dritten Kraft", einer Art Debattierclub, über die Zukunft der HafenCity. "Ich muss aber aufpassen, nicht bei jeder Geschichte mitmischen zu wollen", bremst sich Klessmann selbst. "Dafür reicht die Zeit einfach nicht." Neuankömmlingen in der HafenCity rät der Selfmade-Verleger dennoch vor allem eines: "Rausgehen, mitmachen!" Und im Zweifel selber etwas organisieren.